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Immer mehr Kriegsverbrecher aus Ex-Jugoslawien müssen sich vor dem Haager Tribunal verantworten. Die kroatische Schriftstellerin Dubravka Ugrei zweifelt, dass damit wirklich ein kollektiver Prozess von Trauer und moralischer Besinnung in Gang kommt. Im Gegenteil sieht sie die faschistische Saat des Bösen in einer neuen Generation aufgehen.
Von Dubravka Ugresic
«I'm not a monster, I am a writer!» Radovan Karadi
Hundertvierzig Greise
Am 19. und 20. Juli 2008 spazierten durch Key West in Florida 141 Hemingways! Die Hemingway-Surrogate aus ganz Amerika hatten sich dort versammelt, um herauszufinden, wer von ihnen dem berühmten Schriftsteller am ähnlichsten sei. Auf der Foto, die um die Welt ging, war eine Gruppe fröhlicher Greise zu sehen, die wie entlaufene Weihnachtsmänner beziehungsweise wie Ernest Hemingway anmuteten. Die Alten, die sich jedes Jahr am Geburtstag des bekannten Autors versammeln, wetteiferten in Key West miteinander im Angeln und im Verfassen von Kurzgeschichten.
Noch ein Greis . . .
Am Tag darauf erschien in der kroatischen Presse die Foto eines alten Mannes, der nichts mit den 141 Greisen von Key West zu tun hatte. Am 21. Juli 2008 verstarb nämlich mit 87 Jahren Dinko aki. Wer war das? Dinko aki war der Befehlshaber des Ustascha-Konzentrationslagers Jasenovac, in dem das Regime Juden, Serben, Roma und kroatische Kommunisten beseitigen liess. Nach dem Krieg war er nach Argentinien geflüchtet und erst 1999 an Kroatien ausgeliefert worden, wo man ihn zu zwanzig Jahren Gefängnis verurteilte. Viele Kroaten empfanden diese Verurteilung als ungerecht, denn der Unabhängige Staat Kroatien (in dem aki so effizient gemordet hatte) sei, so der Priester Vjekoslav Lasi anlässlich des Todes von aki, «das Fundament unserer heutigen Heimat Kroatien». «Deswegen ist jeder echte Kroate stolz auf Dinko aki», erklärte der Priester der Presse und fügte hinzu, er sei voller Stolz gewesen, als er «auf der Totenbahre aki in der Ustascha-Uniform gesehen» habe. Auf dem Zagreber Friedhof Mirogoj gaben aki am 24. Juli etwa dreihundert Menschen das letzte Geleit. Man sieht, auch alt gewordene Verbrecher haben noch viele Freunde.
Und noch ein Greis . . .
Am selben Tag sorgte noch ein Greis für Schlagzeilen. Zvonko Bui Tajko, der «kroatische Mandela» oder «der berühmteste kroatische Emigrant» – so in den Titeln kroatischer Zeitungen –, landete am 24. Juli auf dem Zagreber Flughafen, wo ihm etwa fünfhundert Menschen einen begeisterten Empfang bereiteten. Bui kehrte metaphorisch gesprochen aus dem Grab, genauer aber aus einem amerikanischem Gefängnis, zurück, wo er 32 Jahre gesessen hatte. Zusammen mit seiner amerikanischen Ehefrau Julienne und einigen Freunden hatte er in den siebziger Jahren ein amerikanisches Flugzeug entführt, «um die Welt auf die ungerechte Stellung Kroatiens im damaligen Jugoslawien aufmerksam zu machen».
Diese politische Aktion endete böse; ein amerikanischer Polizist verlor das Leben, ein anderer ein Auge, folglich landete das Ehepaar Bui im Gefängnis. Auf dem Zagreber Flughafen versammelten sich jetzt zu seinem Empfang kroatische Politiker, Patrioten, Pop-Sänger, Priester, Kinder, die auf den Schultern ihrer Väter Willkommensschilder hochhielten, junge Menschen, die Ustascha-Parolen brüllten und Ustascha-Lieder sangen. Der «kroatische Mandela» hielt eine patriotische Rede und zitierte Ivan Gundulis berühmten Vers von dem sich immer wieder drehenden Glücksrad, das ihn nun, Gott und dem freien Kroatien sei Dank, wieder nach oben, seine Gegner jedoch nach unten gebracht habe.
Am 21. Juli 2008, dem Todestag von Dinko aki, erschien in allen Zeitungen der Welt die Foto eines anderen Greises mit einem langen weissen Bart und weissem, kokett auf dem Kopf zu einer Miniausgabe einer Samurai-Frisur zusammengestecktem Haar. Er hatte nichts mit den Hemingways aus Key West noch mit dem verstorbenen aki, noch mit Zvonko Bui zu tun. Dieser Alte schien vielmehr aus dem Album eines Hollywood-Agenten herausgefallen zu sein, denn er erinnerte an einen drittklassigen Schauspieler, spezialisiert auf die Rolle von Merlin oder Gandalf in Filmmärchen. Der Greis war in Belgrad festgenommen worden, als er in den Bus Nummer 73 einsteigen wollte. Es stellte sich heraus, dass er Dragan David Dabi beziehungsweise Radovan Karadi hiess.
Dr. Wunderpendel und Mister Hyde
Seit dieser Festnahme wimmelt es in den Medien von an Farcen grenzenden Anekdoten. So erfuhr man von Karadis misslungenen Versuchen, im Fussball zu reüssieren, von seinem Spitznamen Phantom, von seinem Ausspruch: «Yasir Arafat war erst ein weltbekannter Terrorist, bekam aber zwanzig Jahre später den Nobelpreis» (bei dem sich viele erinnerten, wie sich Franjo Tudjman, der erste kroatische Präsident nach Paveli, damit rühmte, dass man ihm an berufener Stelle gesagt habe: «Herr General, wären Sie kein Kroate, bekämen Sie den Nobelpreis»), von einer feurigen Rede des Studenten Karadi vom Dach des Universitätsgebäudes während der 68er Unruhen, von seinen Spitzeldiensten für die Polizei, von der Veruntreuung von Geldern, von seinem Kinderreimbuch «Wunder gibt es, Wunder gibt es nicht», von einer angeblichen Geliebten, die ebenfalls unter zwei verschiedenen Namen lebt, von seinem Internetshop, bei dem man Wunderpendel in verschiedenen Grössen und für verschiedene Zwecke kaufen kann, vom Logo auf seiner Website in der Form einer dreiarmigen Menora (!), die eigentlich die drei serbisch-orthodoxen Finger symbolisiert, von seinen billigen Aphorismen, von denen man meinen könnte, sie seien von Paulo Coelho abgeschrieben («Der Mensch ist das vollkommenste Instrument»).
Dieser triviale Müll, der in den Medien zirkulierte, kam Karadi wohl zupass, der sich vom notorischen Verbrecher zum Clown gemausert hatte, um dem eventuellen Zorn der Masse den Wind aus den Segeln zu nehmen. Und in der Tat, fasziniert von seiner Verkleidungsfarce vergassen viele, dass derselbe Karadi-Dabi seelenruhig auf einem Berg anonymer Leichen sitzt und dass es eine Legion stiller, namenloser Zeugen gibt, einschliesslich der Frauen aus Srebrenica, für die dieser Medienrummel Salz auf ihre Wunden ist.
In Pawel Pawlikowskis Dokumentarfilm «Serbian Epics» aus dem fernen Jahr 1992, dem bisher besten und vollkommensten Porträt Radovan Karadis, wurde alles so klar dargelegt, dass man schon damals Karadi hätte vor Gericht bringen können. Inzwischen ist das Dossier seiner Untaten hinlänglich bekannt, und die neuen Einzelheiten, die nach seiner Festnahme von den Medien verbreitet wurden, bestätigen nur, was alle wussten – dass Karadi ein kaltblütiger Mörder ist, den nur eine Frage beschäftigt: Wie bleibe ich am Leben? Er wird dabei von einem riesigen Menschennetz unterstützt, demselben, das jahrelang auch Slobodan Miloevi am Leben hielt: Helfershelfer, Gleichgesinnte, Verehrer, kleine und grosse Kriminelle, Politiker, Mörder, Kämpfer, Patienten, Frauen, Freunde, Gläubige, die Kirche, die Polizei, der Staatsapparat.
Adrenalinspritze
Zurzeit zünden viele Serben Kerzen an und beten für ihren Haager Angeklagten. Gewöhnliche Bürger, verblühte Rocksänger (wie Bora Dordevi), Mitglieder der ultrarechten Gruppe Obraz, Anhänger von eelj, Nikoli und Karadi marschieren mit ihren Kindern durch Belgrad und rufen Parolen für Karadi, drohen der serbischen Regierung, dem Haager Tribunal, ja der ganzen Welt. Viele Serben, die sonst mit Schicksalsschlägen im Privatleben schwer fertig werden, beweisen plötzlich organisatorische Fähigkeiten und politische Dynamik. Denn die Festnahme Karadis empfinden sie als einen Schlag gegen ihr Serbentum, und ein solcher wirkt wie eine Adrenalinspritze.
Als 2001 fälschlich gemeldet wurde, man habe Karadi gefasst, wurde in seinem montenegrinischen Heimatdorf im Handumdrehen eine «Solidaritätsversammlung» organisiert. Sympathisanten aus Serbien und Montenegro kamen zusammen, Tschetnik-Lieder wurden angestimmt, Popen schwangen ihre Weihrauchfässer, man feierte Karadi als «Haiduken», «Dichter», «Krieger», «Heiligen», als «ein Symbol des Serbentums», man verfiel in nationale Trance. An die Anwesenden wurden Karadi-Masken verteilt, womit aus dem abgelegenen montenegrinischen Ort der Welt verkündet wurde: «Wir alle sind Radovan Karadi.» Mit anderen Worten, hinter den Masken gaben die Menschen dreist ihre Mittäterschaft an dem tatsächlichen oder mentalen Völkermord zu. Auch in diesen Tagen sah man auf Belgrads Strassen die Obraz-Parole «Jeder Serbe ist Radovan!».
Ist Radovan Karadi wirklich ein ausschliesslich serbisches Monster? Vergessen wir nicht, mit welcher Leichtigkeit er die Grenzen zwischen den «unversöhnlich unterschiedlichen» Völkern wie Kroaten, Serben, Bosniern, Montenegrinern überschritt sowie dass er zuletzt seine Ferien in Kroatien verbrachte. Schon wegen seines fortgeschrittenen Alters und seiner Fähigkeit, sich wie ein Phönix aus der Asche zu erheben, muss man die Frage stellen: Wie viele Bürger Ex-Jugoslawiens sind Radovan Karadi?
Kinder, Enkelkinder, Mutanten
Das Ausbleiben eines symbolischen Lynchmordes – jetzt, wo er möglich war – zeigt, dass es hier um ein tiefergehendes Problem geht, das sich nicht allein in den vielen «Karadis» erschöpft: den Betrügern, Propheten und Profiteuren, den Seelenheilern, den Nekrophilen, den Knochenausbuddlern, Gewalttätern, Mördern, Anstiftern kollektiver Hysterie, den lokalen «Schlächtern» und «Vampiren», denen übrigens viele Bürger Ex-Jugoslawiens seit fast zwei Jahrzehnten willig ihren Hals hinhalten. Das Gefährliche an all diesen Liebedienern des Faschismus – einschliesslich Karadi – ist nicht nur das Ausmass des Bösen, sondern die Saat, die sie hinterlassen haben: ihre Kinder, ihre Enkelkinder. – Und diese Kinder, Enkelkinder, Mutanten sind in den letzten zwanzig Jahren herangewachsen. Das sind Jugendliche, die mit serbischen Schiffchenmützen gegen die Festnahme Slobodan Karadis demonstrieren. Das ist die Eurosong-Gewinnerin Marija eferovi, die Europa euphorisch ihre erhobenen drei Finger entgegenhielt, aber nicht imstande war, deren Bedeutung zu erläutern («In the name of mother, father, and you know . . .», versuchte sie verärgert einer niederländischen Journalistin zu erklären). Das sind die begeisterten Anhänger des Radikalenführers Tomislav Nikoli («Gott schuf die Welt in sechs, ich erschütterte sie in zwei Tagen»). Das sind Rowdys, die auf Belgrads Strassen Roma und Homosexuelle zusammenschlagen. Das ist die in Ekstase versetzte Masse bei den Konzerten von Arkans Witwe Ceca Ranjatovi.
Solche junge Mutanten sind Kinder aus Bosnien, die sich in den Fussballstadien tobend in kroatische, serbische und türkische Fahnen wie in eine schützende Plazenta hüllen. Das sind Schüler eines Gymnasiums im kroatischen Makarska, die sich zum Schulabschluss «aus Jux» vor einem Hakenkreuz fotografieren liessen («Das ist kein Hakenkreuz, sondern das indische Symbol des Friedens und der Liebe») und in T-Shirts mit der Aufschrift «Über alles» herumstolzierten. Das sind Jugendliche, die in den Konzerten von Marko Perkovi Thomson in Ustascha-Uniformen und mit der erhobenen Rechten erscheinen, während sich ihre Grossväter – kroatische Akademiemitglieder, Schriftsteller, Journalisten, Ärzte, Generäle und Philosophen – in offenen Briefen für diesen drittklassigen Turbofolk-Sänger einsetzen, wobei sie sich auf das Recht auf unzensuriertes Ustaschatum «in der freien Heimat Kroatien» berufen.
Das sind junge Mitglieder obskurer profaschistischer Parteien in Serbien; Jugendliche, die sich das Konterfei Pavelis auf ihre Körper tätowieren lassen in Kroatien; das sind Kunden von Läden mit faschistischen Souvenirs. Das sind jugendliche Kirchen- und Moscheegänger, die einander oder jemand Drittes hassen und die alle zusammen gegen Roma, Juden, Schwarze und Schwule wüten. Das sind junge Chatter, Brüder der jungen ungarischen Faschisten (Magyar garda), welche «Werte und Kultur Ungarns» verteidigen, oder der jungen bulgarischen Faschisten des Bogdan Rasat, welche «Werte und Kultur Bulgariens» hüten und aus ideologischen Gründen Türken und Roma zusammenschlagen; oder der brutalen russischen Jugendlichen, welche alle zu Tode prügeln, deren Haut dunkler ist als die Putins. Das sind die Mitglieder von Obraz und ähnlichen ultrarechten Gruppierungen, die mit Parolen von Gottes- und Heimatliebe, vom leidenden Volk und vom serbischen Serbien Jugendliche verführen. Das sind junge Kroaten, Serben, Montenegriner und Bosnier, die im Internet ihren Hass säen und verkünden, der Krieg sei noch nicht zu Ende.
Radovan Karadi kann indes beruhigt in seinen Hugo-Boss-Anzügen im Haager Gerichtssaal auftreten. Er hat seine Arbeit getan.
Prozession der kollektiven Scham
Die Arbeit der Haager Richter hingegen besteht darin, den Kriegsverbrechern aus dem ehemaligen Jugoslawien individuelle Schuld nachzuweisen. Sie werden ganz sicher nicht bereit sein, der emotionalen und vagen These von der kollektiven Verantwortung zuzustimmen. Und doch scheint es, dass die Prozesse gegen die Kriegsverbrecher alleine noch keine echte Katharsis auslösen, keine echte gesellschaftliche Veränderung bewirken werden. Ohne kollektive Verantwortung kann es keine effiziente Entnazifizierung geben. Für viele Bürger Ex-Jugoslawiens sind immer die anderen schuld: für die Kroaten die Serben, für die Serben die Muslime, die Kosovo-Albaner, die Kroaten, die ganze Welt . . .
Für beide sind an allem die Kommunisten, Tito und die Partisanen schuld. Und die Amerikaner, die Russen, die Juden, Europa, die Welt, die ungünstigen Sterne, das Schicksal. Alle betrachten die Ereignisse, die sie selbst anzettelten, die sie nicht verhinderten oder an denen sie sogar teilhatten, als Naturkatastrophen, deren Opfer ausschliesslich sie geworden sind. In diesem Sinne ist Karadis schizophrenes Gespaltensein in Gusle-Spieler, Psychiater, verhinderten Fussballspieler, Polizeispitzel, Tschetnik, Mörder, Politiker, Dichter, Wald-und-Wiesen-Guru, orthodoxen Mystiker, Radovan Karadi und Dragan David Dabi eine typisch ex-jugoslawische Erscheinung, das Ergebnis der allgemeinen gesellschaftlichen Lüge, eine tiefe moralische und mentale Störung, ein Wahnsinn, den alle hartnäckig weiter fördern, weil sie ihn für Gesundheit halten.
Es besteht jedoch Hoffnung, dass entgegen der Behauptung der jungen Mutanten mit der Festnahme Karadis der Krieg dennoch zu Ende ist. Es ist die kindliche Hoffnung, dass wir eines Tages in der Presse auf folgende Notiz stossen: «Am 21. Juli 2018, dem Jahrestag der Festnahme des wegen Völkermords in Bosnien zu 100 Jahren Gefängnis verurteilten Kriegsverbrechers Radovan Karadi, fand im montenegrinischen Ort Meljine, bekannt wegen des traditionellen Gusle-Festivals, die
Dubravka Ugrei, 1949 geboren, gehört zu den führenden kroatischen Schriftstellern. Sie lebt in Amsterdam. Diesen Herbst erscheint im Berlin-Verlag ihr neuer Roman «Baba Jaga legt ein Ei». – Aus dem Kroatischen von Mirjana und Klaus Wittmann.